Einführung
Die Geschichte der Katakomben des hl. Kallixtus beginnt gegen Ende des 2. Jhdts., als die Kirche Roms mit dem Bau eigener, für die Christen reservierter Friedhöfe begann. Unter den mehr als 60 Katakomben im Umkreis des alten Rom haben die Katakomben San Callisto eine besondere Bedeutung: wegen ihrer Ausdehnung und Tiefe, wegen der großen Zahl der Gräber, wegen der vielen unterschiedlichen Inschriften und Freskomalereien, und wegen der großen Papstkrypta und anderen Martyrerkrypten.
Auch nachdem die Kirche mit Beginn des 5. Jhdts. wieder begann, die Verstorbenen an der Oberfläche zu beerdigen, kamen weiterhin jahrhundertelang wallfahrende Gläubige zu den in den Katakomben ruhenden Martyrern, um an deren Gräbern zu beten und ihren Glauben zu erneuern. Bei den Invasionen durch die Goten im 6. Jhdt. und durch die Langobarden im 8. Jhdt. erlitten die Katakomben schwere Schäden, so daß sich die Päpste gezwungen sahen, die sterblichen Reste der Martyrer und Heiligen aus Gründen der Sicherheit in innerstädtische Kirchen übertragen zu lassen. So kam es, daß die Katakomben nach und nach aufgegeben wurden. Im Lauf der Zeit stürzten die Zugänge und Lichtschächte ein und wurden von der überwuchernden Vegetation verborgen, und so verlor sich von einem Großteil der Katakomben jede Spur; im Spätmittelalter wußte man nicht einmal mehr, wo sie gewesen waren.
Ein Teil der Katakomben wurde erst Jahrhunderte später von dem großen, aus Malta stammenden Archäologen Antonius Bosius (1575 - 1629) wiedergefunden. Die Kallixtus-Katakomben wurden jedoch erst 1852 entdeckt, erforscht und dokumentiert durch Giovanni Battista de Rossi, der als Vater und Gründer der Christlichen Archäologie gilt.
1. Die Lage
Rom. Nur wenige 100 m jenseits der modernen und viel befahrenen Via Cristoforo Colombo, die zum Stadtteil EUR führt, erstreckte sich vor etwa 2000 Jahren ein Teil des Rom der Kaiserzeit und der Urkirche. Man muß nur die Via Appia entlanggehen, dann trifft man nach dem Durchschreiten der Porta San Sebastiano auf das Kirchlein "Domine, quo vadis?", auf die Katakombe des Praetextatus, die Sebastians-Katakombe, weiter auf die Ruinen des Zirkus von Kaiser Maxentius und auf das Grabmal der Caecilia Metella. In der Mitte der antiken Herrlichkeit erhebt sich ein wenig eine grüne Insel, eingeschlossen von Via Appia, Via Ardeatina und Vicolo delle Sette Chiese, und diese birgt in ihrem Inneren ein antikes Zeugnis besonderer Art: die Katakomben des hl. Kallixtus, in den dunklen und doch leuchtenden Zeiten der Verfolgung Grablege der Päpste und vieler Christen, darunter zahlreiche Martyrer. Seit 1930 hat der Papst diesen Schatz den Salesianern Don Boscos anvertraut, damit sich auf ihn achtgeben und die Gläubigen darauf hinweisen.
Das Gelände umfaßt gut 30 ha, etwa 15 ha davon sind Katakombengebiet. Die Gänge im "Kallixtus-Komplex" haben in z.T. vier Stockwerken eine Gesamtlänge von ca. 20 Km, darin zahlreiche Gräber, vielleicht eine halbe Million. Die Bezeichnung "Komplex" erklärt sich daraus, daß die Katakombenanlage aus mehreren unterirdischen Friedhofskernen zusammengewachsen ist, die sich dann im Lauf der Zeit ausweiteten: z.B. die Krypten der Lucina, dann der eigentliche Friedhof des hl. Kallixtus, der Friedhof der hl. Soteris, und der Friedhof der hl. Marcus, Marcellianus und Damasus, der auch Basiläum oder Friedhof der Balbina heißt.
Unter den unterirdischen Friedhöfen der Urkirche nimmt der des hl. Kallixtus einen Ehrenplatz ein, weil er der erste offizielle Friedhof der Christengemeinde Roms war. In dem weiten Gebiet, das die heute San Callisto genannten Katakomben umschließt, wurde eine große Zahl von Martyrern und Heiligen beerdigt. Allein 16 Päpste ruhten hier, davon neun in der berühmten Krypta der Päpste; von fünf dieser Päpste sind noch Teile der griechisch beschrifteten Grabplatten vorhanden, und ebenso ein bekanntes Gedicht von Papst Damasus.
Direkt neben diesem Raum befindet sich die nicht weniger berühmte Krypta der hl. Caecilia, in der diese junge Martyrin über Jahrhunderte ruhte. Gleich wichtige Papstkrypten sind die der hl. Cornelius, Eusebius und Gaius. Ferner ist bekannt, daß auf der Oberfläche dieses Friedhofs in einer kleinen Basilika das Grab des hl. Tarcisius verehrt wurde, des ersten Martyrers der Eucharistie.
2. Der Friedhof des hl. Kallixtus
Um den Beginn des 3. Jhdts. ernannte Papst Zephyrin den Diakon Kallixtus zum Verwalter des Friedhofs. Deshalb heißt dieser Friedhof Kallixtus-Katakomben, in Abweichung vom sonst üblichen Brauch, die alten christlichen Begräbnisstätten entweder nach Martyrern zu benennen, die man dort verehrte, oder nach dem Stifter, oder nach dem Ort, wo sie lagen. Kallixtus wurde 217 zum Papst gewählt und starb 222 den Martyrertod, er wurde in einer Katakombe an der Via Aurelia beigesetzt.
Um die Geschichte der Kallixtus-Katakomben zu verstehen muß vorausgeschickt werden, daß die Christen im 1. Jhdt. keine eigenen Friedhöfe hatten. Sie setzten ihre Lieben in den heidnischen Begräbnisstätten bei, die für alle offen waren. Gegen 150 entstanden die ersten Christenfriedhöfe, die sich um und unter Familiengrablegen entwickelten, deren reiche Besitzer, entweder Neuchristen oder ihnen freundlich gesinnt, auch anderen Christen die Beerdigung dort gestatteten. So entstand z.B. die "Area prima", das "Erste Gebiet" unserer Katakomben, schon vor Kallixtus, und die Krypta der Päpste war zunächst ein Familiengrab. Mit der Zeit dehnten sich diese Grabstätten aus, öfter durch Schenkung von Grundeigentum, oder durch von der Kirche selbst erworbene Grundstücke. Im 4. Jhdt. erfuhr der Friedhof San Callisto dann noch eine beachtliche Ausweitung.
Mit Beginn des 5. Jhdts. ging man dann nach und nach dazu über, die Verstorbenen nicht mehr unten in den Katakomben zu beerdigen, ein Grund dafür war die einsetzende Zeit der Völkerwanderung mit dem Einfall der Barbaren auch in Italien. Trotzdem fanden in den nächsten vier Jahrhunderten ungezählte Pilgerscharen ihren Weg hierher, bis ab Anfang 9. Jhdt. wegen der Übertragung der Martyrerreliquien in die Innenstadt die Katakomben nach und nach aufgegeben wurden und im gesamten Frühmittelalter sogar in völlige Vergessenheit gerieten.
3. Die unterirdische "Stadt"
Der aus vier Katakomben zusammengewachsene "Kallixtus-Komplex" liegt unter einer Oberfläche von ca. 15 ha und erreicht in teilweise vier Stockwerken eine Tiefe von etwa 20 m. Wer hinuntersteigt, dem eröffnet sich, je weiter er geht, ein Gangnetz, ein richtiges Labyrinth.
Von der Wortbedeutung kommt der Begriff "Katakombe" von einer alten Ortsbezeichnung für den unterirdischen Sebastiansfriedhof, der an einer Senke, einer Vertiefung an der Via Appia liegt: "kata cumbas"; später wurden dann alle unterirdischen Christenfriedhöfe so bezeichnet.
Die Heiden benannten ihre Friedhöfe mit dem griechischen Wort "necropolis", also Totenstadt. Die Christen benutzten lieber entweder den griechischen Begriff "koimeterion", oder, latinisiert, "coemeterium", d.h. Schlafplatz, Ruhestätte. Für sie war der Friedhof nur ein Ort des Schlafes, an dem die Verstorbenen ihre Auferstehung erwarteten. Dadurch wird auch verständlich, warum die Christen den Todestag eines Martyrers gern "dies natalis" nannten, Tag der Geburt für das neue und wahre Leben.
Normalerweise wurden die Katakomben in den massiven Tuff hineingebaut, die Christen nutzten jedoch auch aufgelassene Puzzolan-Gruben. Die "fossores" - so wurde die Berufsgruppe der "Ausgräber" genannt - arbeiteten hier mit Spitzhacken, Schaufeln und Körben im Licht ihrer Öllampen, das ausgehauene Material wurde dann nach oben geschafft. Zu den Aufgaben der Fossoren gehörte auch das Anfertigen der Grabinschriften, das Ausmalen der Grabkammern oder Martyrerkrypten mit Fresken, und ebenso dienten sie den Angehörigen der Verstorbenen oder den Pilgern zu den Martyrergräbern als Führer. Eine ganze Reihe dieser Fossoren sind namentlich bekannt durch Grabinschriften oder Malarbeiten; in San Callisto z.B. hinterließ einer von ihnen, Iconius mit Namen, hinter der Krypta von Papst Gaius ein Graffito, in dem er sich selbst für seine schnelle Arbeit lobt.
Es mag verwundern, daß sich in Gemeinschaftsfriedhöfen wie den Katakomben auch Gräber für Familien befinden. Einige reiche Familien stellten der Christengemeinde ihr Eigentum zur Verfügung, das ist z.B. nachweisbar für die Priscilla-Katakombe, für Domitilla, oder auch für die Krypten der Lucina. Die Mitglieder der jungen Kirche entstammten allen gesellschaftlichen Schichten: einfache und arme Leute ebenso wie wohlhabende Bürger und Adelige. Das römische Recht sah vor, daß Bürger sich zu Grabgemeinschaften zusammenschließen konnten, und es war für die Christen nicht schwer, einen solchen Rechtsstatus zu erlangen. Die Kirche stellte sicher, daß die Armen unentgeltlich ein Grab bekamen. Christen, welche die notwendigen Geldmittel hatten, kauften bereits zu Lebzeiten ein Grab, sei es für sich selbst, für Angehörige oder für ihre ganze Familie. Wenn dem Gebot der christlichen Nächstenliebe Genüge getan war (jedem das geben, was notwendig ist), dann stand es dem, der mehr besaß frei, für den Bau eines Familiengrabs zu sorgen. In vielen Grabkammern reicher oder adeliger Familien fanden auch viele von ihren christlichen Herrschaften freigelassene Sklaven eine würdige Beerdigung.
Eine andere Tatsache fällt in den Katakomben auf: es gibt eine Vielzahl von Kindergräbern. Woran liegt das? Zu der hohen Kindersterblichkeit kommt noch etwas, was die damaligen Christen als Verbrechen ansahen, die Aussetzung Neugeborener. Diese armen Kleinen wurden z.B. an den Fuß einer deshalb "lactaria" genannten Säule ("Säuglingssäule") beim Forum Olitorium nahe den Tempeln des Apoll und der Bellona (beim heutigen Theater des Marcellus) ausgesetzt. Um die Aussetzung von Kindern zu verhindern ordnete Kaiser Konstantin Anfang des 4. Jhdts. an, die Armen und Bedürftigen auf Kosten der Staatskasse mit Kleidern und Nahrung zu versorgen; Mitte des 4. Jhdts. wurde die Todesstrafe für Kindesaussetzung eingeführt. Der hl. Augustinus wies den gottgeweihten Jungfrauen die Aufgabe zu, die ausgesetzten und verlassenen Kinder zu sammeln, sie zu versorgen und taufen zu lassen. Schon in der Verfolgungszeit wurden ausgesetzte Kinder, die nicht gerettet werden konnten oder tot vorgefunden wurden, in den Christenfriedhöfen beerdigt.
Bei einem Aufenthalt in Rom kann ein Besuch in den Katakomben gewiß zu den Höhepunkten gehören, die dem Touristen oder Wallfahrer sehr nahegehen. Von den eindrucksvollen, vielfach verzweigten Gängen, von der tiefen und doch auch sprechenden Stille, vom Denken an die hier aus Glaubensüberzeugung investierte Arbeit und an die Menschen der damaligen Zeit geht eine Faszination aus, der sich der dafür offene Besucher nur schwer entziehen kann.
4. Die Suche nach den Kallixtus-Katakomben
Giovanni Battista de Rossi (1822 - 1894) war Archäologe aus Berufung. Er hatte zwar das Studium der Rechtswissenschaften erfolgreich abgeschlossen, widmete jedoch sein ganzes Leben dem Wiederfinden und wissenschaftlichen Erforschen der christlichen Katakomben. In den Bibliotheken ganz Europas suchte er systematisch nach alten "Itineraren" (Pilgerreiseführern), und er hatte das Glück, eine ganze Reihe zu finden. Von diesen Schriften, seinem Spürsinn und seiner Leidenschaft geführt durchforschte er Schritt für Schritt die Via Appia, die "Königin der Straßen" der alten Römer, auf der Suche nach dem Grab des 253 gestorbenen Papstes Cornelius, auf das die alten Schriften hier hindeuteten; er stöberte so lange, bis er endlich Erfolg hatte.
De Rossi hatte das Glück, Pius IX. zu begegnen, dem Papst, der die Kirche sehr lange leitete. In dieser langen Zeitspanne erlebte die Kirche schwierige Zeiten, das Königreich Italien entstand, und zum Schluß verlor der Papst seine weltliche Macht, Rom wurde Hauptstadt Italiens. Aber mitten im politischen Geschehen, das nicht ohne störende Einflüsse auf sein apostolisches Wirken blieb, entwickelte dieser Papst intensive Aktivitäten auch im kulturellen Bereich, nicht zuletzt mit großem Interesse durch die ideelle und finanzielle Unterstützung der damaligen archäologischen Forschungen.
"Als de Rossi seine Grabungskampagne begann, sah hier an der Via Appia die Landschaft doch recht anders aus. Tagebücher von Besuchern aus dieser Zeit beschreiben die Einsamkeit und Ausdehnung der Landschaft von den Aurelianischen Stadtmauern bis zu den Albaner Bergen. Die weite Ebene schien völlig verlassen, ohne jede Spur von Bewohnern, bis auf ein paar verlorene Hütten.
Die Stadt Rom war weit und entzog sich dem Blick, völlig von der alten Stadtmauer verborgen, und darüber war nur, in großer Entfernung, die Kuppel des Michelangelo-Doms zu erkennen. Die immense Ebene atmete etwas zutiefst Heiliges, in dem gleichermaßen die Gräber aus heidnischer Zeit, die Ruinen der alten Aquädukte und Grabmäler, wie die noch verborgenen heiligen Stätten der Katakomben eingeschlossen waren. All das war eingetaucht in tiefe Stille, nur unterbrochen vom heiseren Krächzen der Raben, die ihre geheimnisvollen Prophezeiungen in den Wind schrieen.
Hier in diesem Szenarium begann der Rossi, die Kallixtus-Katakomben auszugraben, mit einigen Arbeitern, die er unter den Tagelöhnern aus der Gegend rekrutiert hatte, arme Handlanger, denen beizubringen fast nutzlos war, daß aus dem Boden, den sie nun mit Hacke und Schaufel zu bearbeiten hatten, etwas anderes geerntet werden sollte als das, was sie gewohnt waren. Unsäglich die Schäden, die durch ihre Unerfahrenheit verursacht wurden, und zahlreich die Diebstähle von Reliquien und Gegenständen, die nach und nach ans Tageslicht kamen; einige dieser Arbeiter verschwanden, um das Gefundene weit unter Wert für ein paar Pfennige an fliegende Antiquitätenhändler zu verkaufen" (M. Barberito: Tre Famiglie religiose nella storia delle Catacombe di San Callisto, 1979).
5. Die Entdeckung des jungen Archäologen
Im Sommer 1844 streifte de Rossi durch die Weinberge zwischen Via Appia und Via Ardeatina, sein Blick richtete auf Bruchstücke aus Marmor, deren Weiß manchmal durch das Grün durchschimmerte, und er erblickte einige seltsam geformte Häuschen. Am Ende des großen Weinbergs standen zwei Gebäude, die seinen Blick fesselten. Eines davon war das Landhaus einer Bauernfamilie, das andere ein Weinkeller, aber beide sahen ganz anders aus als die vielen Bauernhäuser auf dem Land. Jedes von ihnen hatte drei Apsiden, als wären sie von einer frühchristlichen Kirche übrig geblieben, deren Mauern - wer weiß wann und von wem - zerstört waren.
Dann sah er in einer Ecke bei der Tür des in einen Weinkeller umgewandelten Bauwerks ein Häufchen Marmorstücke mit alten lateinischen Inschriften. Er nahm sie in die Hand und betrachtete sie Stück für Stück: sie enthielten Fragmente antiker lateinischer Gedichte, und auf einem kam das Wort Altar vor. Er ging zu diesem Gebäude zurück und konnte über eine fast zerstörte Treppe an Seilen entlang in die unterirdischen Gänge hinuntersteigen, die bereits vor Hunderten von Jahren ausgehauen worden waren. Einige waren umgebaut in kühle Depots für den Wein in den heißen Sommermonaten. Er fand große Haufen von Erde und Schutt, nichts, was wichtig schien. Aber sein Spürsinn sagte ihm zu Recht, daß sich unter diesen Haufen alte und verehrte Gräber befinden mußten, und ebenso Grabsteine, welche die Geschichte der ersten Martyrer erzählten.
Als er 1849 einmal aus diesen Gängen herauskam, blieb sein geschultes Auge an einem Marmorbruchstück hängen, das als Treppenstufe gedient hatte. De Rossi erinnerte sich: "In sehr alten Buchstaben las ich die Schrift …NELIUS MARTYR. Es war leicht, den Namen zu vervollständigen in CORNELIUS". Es handelte sich um die Grabinschrift für den hl. Martyrerpapst Cornelius, der 253 in Civitavecchia starb und einige Jahre darauf im Friedhof des hl. Kallixtus beigesetzt wurde. Von diesem Augenblick war sich de Rossi absolut sicher, daß die berühmten Kallixtus-Katakomben, dem ersten offiziellen Gemeindefriedhof der Christen im kaiserlichen Rom des 2. Jhdt. sich unter seinen Füßen befanden. Nun ging es darum, diese Weinberge zu kaufen und die Ausgrabungsarbeiten in Gang zu setzen. Von da an bemühte er sich auf jede ihm mögliche Weise, das Mißtrauen anderer Archäologieprofessoren und der Behörden zu überwinden.
6. Die Kommission für Sakrale Archäologie
Im Juli 1851 bildete sich die Kommission für Sakrale Archäologie in einer zunächst noch experimentellen Form, die aber sofort arbeitsfähig war. Offiziell dann am 6.1.1852 von Papst Pius IX. eingesetzt bestand sie aus mehreren Mitgliedern, die gleich sehr intensiv mit der Arbeit begannen. Regulär wurden die Arbeiten in den Katakomben von P. Marchi beaufsichtigt, während de Rossi die Leitung der Ausgrabungen übernahm. Im Jahr 1854 wurden die Krypta der Päpste und das Grab der hl. Caecilia entdeckt, und 1856 die Krypta des hl. Eusebius; 1864 fand man das Hypogäum der Flavier in der Domitilla-Katakombe, 1890 die Basilika von Papst Silvester in Priscilla usw.
Auszug aus einem der ersten Berichte der Kommission: "Als Anfang wurde Hand gelegt an eine großartige Treppe, die in unmittelbarer Nähe einer der beiden Basiliken beginnt, die wir heute noch zwischen der Appia und der Ardeatina sehen (Östliche Tricora)… Als wir sie durchsuchten, waren dort einige mit Marmor gepflasterte Stufen zu sehen, und vorher auch teils Grabinschriften… Sie wurde nicht wieder geöffnet, und diese Arbeit wurde für eine günstigere Zeit aufbewahrt…
Als die Arbeiten einige Längen von dieser Treppe und der oben erwähnten Basilika entfernt wieder aufgenommen wurde, da wurde eine doppelte Krypta gefunden von einer solchen Ausdehnung, wie sie bisher in einem anderen Teil dieses Friedhofs noch nicht gefunden wurde. Das Gewölbe war ganz verputzt und mit sehr rissigen und beschädigten Gemälden verziert… In der Mitte lag umgekippt ein Sarkophagdeckel aus Marmor von außerordentlichen und kolossalen Ausmaßen… Über dieser doppelten Krypta öffnete sich ein sehr großer antiker Lichtschacht, der durch Erdmassen zerstört war, welche Regenfälle hereingeschwemmt hatten… Nachdem um die Mitte des März in diesem Stockwerk hier und da etliche Wege vom Erdreich befreit waren, wurde die Ausgrabung einer Grabkammer in Angriff genommen, welche die Malereien und die Inschriften eindeutig als die des Papstes und Martyrers Cornelius auswiesen. In der Nähe dieses Raumes wurden auch drei Cubicula gefunden und von Erdreich befreit, die wegen sehr schöner und recht seltener Bilder und vieler antiker Inschriften außerordentlich sind… Und dieser großartiger Teil des Friedhofs darf - nunmehr nicht wegen einer als wahrscheinlich anzusehenden archäologischen Fachmeinung, sondern wegen der historischen Wahrheit - als der des Kallixtus bezeichnet werden… Wir stiegen (hier) mit unglaublicher Mühe eine kleine, ganz enge Treppe hinunter, die in diesem Jahr von den Arbeitern unter einem heidnischen Monument rechts der Appia geöffnet worden war, aber sehr bald war zu erkennen, daß der antike und reguläre Weg nach unten, nahe bei der Krypta des hl. Martyrers Cornelius, völlig zugeschüttet und in Trümmern war. Es wurden einige Soldaten zu Hilfe gerufen, um den Zugang von Erdreich und Schutt zu befreien und zu reparieren… während des Monats Mai.
Durch alle diese Ausgrabungen im Friedhof des Kallixtus kamen 45 vollständige christliche Inschriften ans Tageslicht, von denen elf noch an ihrem Ort waren. Darunter ist bemerkenswert der sehr glückliche Fund von drei großen Bruchstücken der metrischen Inschrift, die Papst Damasus am Grab des hl. Papstes Eusebius aufgestellt hatte" (Bericht von de Rossi in der Zeitung Il Giornale di Roma vom 18.7.1853).
7. "Ich werde die Beweise sprechen lassen"
Als Pius IX. von den Fortschritten und Entdeckungen hörte, ließ er de Rossi rufen. Baumgarten, der die folgenden Informationen von de Rossi selbst hörte, erzählt:
"Am 10. Mai 1854 lud der Papst de Rossi zum Mittagessen ein, weitere Gäste waren Kardinäle, Prälaten, Minister und Botschafter… Während des Essens sprach Pius IX. über die Archäologie und erklärte mit vernehmlicher Stimme, er habe nur wenig Vertrauen in sie. Seiner Ansicht nach seien die Archäologen alle Träumer und Dichter, und sie fantasierten über viele Dinge, die nur wenige andere verstehen könnten. Diese und andere Aussagen machte der Papst so, daß de Rossi sie hören konnte. Aber der große Archäologe schwieg.
Als nach dem Essen im Garten der Kaffee eingenommen wurde, ließ der Papst de Rossi durch Mons. De Merode sagen, er habe dies so gesagt, damit de Rossi zur Verteidigung der "armen" Archäologie das Wort ergreifen sollte. De Rossi gab zur Antwort: ‚Ich habe sehr wohl verstanden, was der hl. Vater mit diesen Worten gemeint hat. Bald werde ich in den Katakomben die Beweise sprechen lassen. Dort unten wird sich die Wissenschaft von den christlichen Altertümern selbst verteidigen'".
8. Der Besuch von Papst Pius IX. in den Kallixtus-Katakomben (1854)
"Am Nachmittag des 1. Mai 1854 fuhr Pius IX. mit der Kutsche zur Via Appia. De Rossi empfing ihn am Eingang der Katakombe und erläuterte ihm in Kürze die große Bedeutung der bisher gemachten Entdeckungen. Als Beweis zeigte er dem Papst die Inschrift mit dem Gedicht des hl. Damasus. Pius IX. sagte laut: ‚Aber ist das alles wirklich wahr? Ist hier keine Täuschung möglich?'
‚Heiliger Vater, wir haben sogar die Grabinschriften einiger heiliger Nachfolger des Apostelfürsten gefunden. Wenn Eure Heiligkeit diese Stücke zusammensetzen möchte, werdet Ihr die Namen der Päpste finden, welche Damasus, der unermüdliche Verehrer der Martyrer der Katakomben, in dem Gedicht erwähnt, das ich Euch gerade erläutert habe'.
Pius IX. nahm die Marmorstücke in die Hände und las. Als er die Namen seiner Vorgänger sah, traten ihm in tiefer Bewegung die Tränen in die Augen, und er sagte laut: ‚Sind dies also wahrhaftig die Grabsteine meiner Vorgänger, die hier geruht haben?' Dann gratulierte er de Rossi von Herzen zu dem großen Erfolg und dankte ihm für den Dienst, den er durch die Archäologie der Kirche und dem Heiligen Stuhl erweisen hatte".
9. Die Bewahrung des archäologischen Erbes und der Erwerb des Geländes
Pius IX. wollte, daß die Ergebnisse der Forschungen auf seine Kosten gedruckt wurden, und de Rossi stellte sie in einem umfangreichen Werk mit drei Bänden zusammen: "Roma sotterranea" - Das unterirdische Rom -, die in den Jahren 1864, 1867 und 1877 erschienen. E. Josi schreibt, daß de Rossi zudem alle Weinberge um den archäologischen Teil erwerben ließ. Pius XI. ließ 1920 noch Gelände hinzukaufen, um die Unberührtheit des südlichen Teils bis hin nach San Sebastiano sicherzustellen, und so umfaßt das Gelände derzeit 34 ha. So wird die Ausdehnung der Oberfläche des Geländes verständlich: eine grüne Insel mitten im heutigen Rom, eine Lunge im Verkehrsgedränge der Stadt.
Aber zusätzlich dringend notwendig zur Organisation der Ausgrabungen und Forschungen wurde es, jemanden zu finden, der die erstaunliche Herrlichkeit auch hütet, kontrolliert und leitet. De Rossi wußte, mit welcher Anteilnahme und Leidenschaft Papst Leo XIII. sich für die Ausgrabungsarbeiten in den Katakomben interessierte, und so sprach er mit dem Staatsekretär über das Problem. Er erklärte, welche Schäden und Schwierigkeiten die Arbeit sehr erschwerten, und er schlug vor, die Aufsicht einer Ordensgemeinschaft zu übertragen, nach seiner Meinung seien die Trappisten dazu sehr geeignet. Im Jahr 1884 kamen die Trappisten als erste Hüter der Kallixtus-Katakomben an, nach 46 Jahren beendeten sie ihren Einsatz. Für neun Monate wurde dann die Sorge für die Katakomben den Söhnen von P. Semeria anvertraut, bis im Jahr 1930 Papst Pius XI. diese Aufgabe den Salesianern Don Boscos übertrug, welche sie mit Hilfe von externem Personal zu erfüllen versuchen.

