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BEITRÄGE ZUR THEMATIK
EHE UND FAMILIE IN FRÜHCHRISTLICHEN GRABINSCHRIFTEN
Aus: Antonio Baruffa, Die Katakomben San Callisto. Geschichte – Archäologie – Glaube.
DAS EHELEBEN
„Die Grabsteine stellen uns die Ehe vor als Gemeinschaft von Leib und Seele. Großer Wert wird darauf gelegt, dass die Ehegatten als Lebensgefährten harmonieren, und dass sie Freude haben an der gemeinsamen Lebensgestaltung... Für die ersten Christen war die Ehe eine Verbindung zweier Menschen, die jeden anderen ausschloss, das zeigen Würdigungen verstorbener Ehefrauen. Ihre absolute Treue sowie ihr ehrsames und keusches Verhalten legen Zeugnis ab für eine einzigartige Liebe; beim verstorbenen Ehemann bleiben im Gedächtnis seine Ehrbarkeit und seine Reinheit.
Die Ehe verlangt von beiden Ehegatten auch Disziplin im Alltag; diese lebt aus dem immer wieder neuen Bemühen beider Seiten auf der Basis von gemeinsamen Werten wie dem Glauben und dem Gebet. Auf diese Weise können die Gatten ein leuchtendes Beispiel geben. So ehrt der Christ das Band der ehelichen Gemeinschaft, aber mehr noch wird ihm in der Ehe das Wirken Gottes erfahrbar. Ein gewisser Cyriacus drückt dies in der Inschrift so aus:
Der Schöpfer hat Dich mir geschenkt als eine heilige Gabe (ICUR, I, 1496),
und er kennzeichnet damit seine verstorbene Gattin!“.
Unvergessliche Ehefrauen
„Und sie werden ein Fleisch“, so lesen wir in der Bibel (Gen 2, 24), und Tertullian bezeichnet die Eheleute als Geschwister, als Menschen, die zusammenarbeiten, sei es in der Not, in der Verfolgung oder in der Hoffnung (Ad Uxorem).
Celsus Eutropius verlor seine junge, etwa dreißigjährige Frau, nachdem er gut zehn Jahre glücklich mit ihr verheiratet gewesen war. Auf ihren Grabstein schrieb er, die gemeinsame Zeit mit ihr sei ein Paradies gewesen „sine ulla lesione animi mei“. Der Glückliche!
Celsus Eutropius für seine Ehefrau... die immer mit mir lebte,
ohne mich je zu verletzen. Ihr Leben dauerte 31 Jahre, 9 Monate
und 15 Tage, und sie verbrachte mit ihrem Gatten 10 Jahre und
9 Monate. Sie wurde ins Grab gebettet 7 Tage vor den Kalenden
des... Sie starb an einem Donnerstag.
Die Wohlverdiente (ruht) in Frieden (ICUR, IV, 11241).
Ähnlich fühlte Flavius Crispinus für seine Frau Aurelia Aniane. Ihre Ehe war ein Beispiel perfekter Harmonie und Gemeinschaft, und die Worte, mit denen er ihr das Leben im Frieden des Herrn wünscht, lassen erahnen, wie sehr er die Gefährtin seines Lebens geliebt hat.
FL CRISPINVS AYRELIAE ANIA
NETI BEN · M · COIVGE QVE VIXIT AN
XXVIII QVEM COIVCE HABYI AN
VIIII KARITATE SINE VLA ANIME MEI
LESIONE VALE MICHI KARA IM PACE
CVM SPIRITA XANTA VALE IN PX
Flavius Crispinus für Aurelia Aniane, seine wohlverdiente
Ehefrau, die 28 Jahre lebte. 9 Jahre war sie meine liebevolle
Gattin, ohne dass sie meine Seele (d.h. mich) verletzt hat. Lebe
wohl, du meine Liebe. Sei im Frieden mit den heiligen Seelen.
Lebe wohl in Christus (ICUR, IV, 12566).
„Der Wunsch, ‚mit den heiligen Seelen‘ zu sein, bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass der oder die liebe Verstorbene sich jetzt im Himmel bei Gott befindet, in der vollen und endgültigen Glückseligkeit. Das ‚bei den Seelen der Gerechten sein‘ gilt als Teil dieser Glückseligkeit: Die Gemeinschaft mit den anderen Seligen erfüllt die Seele mit Freude und trägt zur Glückseligkeit sowohl des Einzelnen wie auch der gesamten Gemeinschaft bei. In der Seligkeit sein bedeutet demnach, sich bei Gott und den Heiligen zu befinden, sich über diese Gegenwart zu freuen in dem Wissen, ihnen willkommen zu sein.
Der Himmel ist demnach nicht so sehr ein Ort. Himmel ist Leben in und mit Gott, und die himmlische Glückseligkeit besteht nicht im Aufenthalt an einem lichterfüllten Ort, sondern vielmehr im Leben mit Christus, der das Licht ist. Die Seligkeit bedeutet, in dem Frieden leben, der Gott selbst ist, und nicht so sehr, sich der Ruhe, des Ausruhens zu erfreuen; sie bedeutet mehr als die Anschauung Gottes, sie besteht in einem Leben voller Freude, zusammen mit Gott, mit den Engeln und den Heiligen. Die Verheißung, der himmlische Lohn meinen also ein Leben in der unmittelbaren Gegenwart Gottes.
Der Begriff ‚Leben‘ beinhaltet natürlich auch die Vorstellung vom Tätigsein derer, die bei Gott sind. Dies ergibt sich u.a. aus dem Gebrauch von Verben wie ‚sich erfreuen‘ und ‚schauen‘... Die wahre christliche Botschaft kündet also davon, dass die ‚Heiligen‘ für immer bei Gott leben. Dieses Leben ist eindeutig personal zu verstehen als individuelle und sehr enge Beziehung zu Gott, aber zugleich ist dieses Leben seinem Wesen nach kirchlich, da es sich in der Gemeinschaft der Seligen vollzieht“
Eheliche Treue
Die eheliche Treue hat ihre Wurzeln im Evangelium. Die Apologeten (die Verteidiger des christlichen Glaubens) wie auch die Kirchenväter (die großen Bischöfe der ersten Jahrhunderte) stellen in ihren Schriften den großen Wert dieser Tugend heraus. Für viele junge Menschen, die in schwierigen
familiären Situationen leben mussten, war sie sehr wichtig. Die Grabinschrift, auf die wir uns hier beziehen, spricht von der Treue einer Ehefrau gegenüber ihrem Mann, sie gilt aber ebenso umgekehrt.
Ein Mann namens Probilianus hatte sehr wohl verstanden, von welch großer Bedeutung für das Eheleben diese Tugend ist, und dafür wollte er Zeugnis ablegen mit einem Lob für seine Frau.
Probabilianus seiner Ehefrau Felicitas. Alle Nachbarn kannten ihre Treue,
ihren ehrbaren Lebenswandel und ihre Güte.
Während der achtjährigen Abwesenheit ihres Mannes hat sie ihn nie betrogen.
Sie wurde am 30. Januar an diesem heiligen Ort beigesetzt (ICUR, IV, 10953).
„Eines der schönsten Komplimente, die ein Ehemann seiner Frau machen kann, besteht im Hinweis auf die Ehrbarkeit ihres Verhaltens, d.h. auf ihre Keuschheit. Sie bewahrt ihren Körper rein für ihren Mann. Es geht dabei jedoch nicht nur um die Keuschheit des Körpers, sondern ebenso auch um die Reinheit des Herzens. Das ergibt sich daraus, welche anderen Tugenden der Ehemann hervorhebt, wie etwa die Ehrbarkeit und die Rechtschaffenheit, das Lob ihrer Schamhaftigkeit in ihrem Verhalten, der große Wert, welcher der Unschuld im Leben beigemessen wird. Wir finden hier das Bild der Ehefrau, die allein für ihren Mann lebt“.
Ein idealer Ehemann
Jeder Mensch lebt in einem komplexen Geflecht von Beziehungen und Bindungen, und so ist zu verstehen, dass der Verlust eines geliebten Menschen durch den Tod zu tiefen Erschütterungen führen kann. Schmerz entsteht dort, wo wirkliche und tiefe Liebe war, und es gibt wohl kein erbärmlicheres Sterben als das, welches niemand beweint.
So ist der tiefe Schmerz der jungen Ehefrau über den Tod ihres geliebten Alexius nachvollziehbar, der mit 31 Jahren starb. Sie heirateten sehr jung, und Alexius liebte seine Lebensgefährtin aus ganzem Herzen: Fünfzehn gemeinsame Jahre ohne auch nur den Schatten eines Streites!
Der Mann diente als Lektor in der Pfarrei, die man ‚Fullònica‘ nannte, weil sie in der Nähe eines öffentlichen Waschplatzes (fullonica = Waschgelegenheit) lag. Mit großer Wahrscheinlichkeit entspricht der Titel der Fullonica, der heutigen Kirche der hll. Marcellinus und Petrus an der Via Merulana.
Dem innig geliebten Ehemann Alexius, der so teuren Seele,
Lektor am Titel der Fullonica. Er lebte fünfzehn Jahre mit mir.
Im Alter von sechzehn Jahren hat er mit mir den Ehebund
geschlossen, als Jungfrau mit einer Jungfrau
(d.h. sie hatten keine vorehelichen Beziehungen).
Nie fügte er mir Kummer zu. Er möge in Frieden mit den Heiligen ruhen,
mit denen (zu leben) er verdient. Beigesetzt am 15. Dezember (ICUR, IV, 11798).
„Die Ehe als Lebensgemeinschaft bedeutet vor allem gegenseitige Eintracht und Einverständnis miteinander. Aber für ein solches harmonisches Zusammenleben braucht es auch gegenseitige Treue. Die voreheliche Jungfräulichkeit findet sich derart häufig in den Grabinschriften erwähnt, dass wohl anzunehmen ist, dass es bei den Christen die Regel war, bis zum Hochzeitstag jungfräulich zu bleiben. Auch die Heiden hielten die Jungfräulichkeit für einen Wert, aber bei den Christen scheint sie Wesensbestandteil des Verständnisses von christlicher Ehe gewesen zu sein“.
Tiefe Trauer
Beim Lesen der Epitaphe (Grabinschriften) begegnen wir manches Mal echten Tragödien; so ist z.B. die Zahl der Ehefrauen groß, die wegen schwieriger Geburten jung starben, aber auch viele Ehemänner verstarben jung. Dennoch, bei all dem Schmerz finden wir in den christlichen Grabinschriften kaum so etwas wie Auflehnung oder Verzweiflung. Der Schmerz über das traurige Geschehen wird immer durch das Licht des Glaubens gelindert. Diese christliche Grundhaltung finden wir z.B. bei Aphrodite, Aelia Capitolina und Cornelia Victorina, drei Ehefrauen, die den Tod ihrer Gatten beweinen.
Aphrodite (machte das Grab) für Antonius, ihren innig
geliebten Gatten, wegen seiner einzigartigen Liebe zu seiner Gattin
und wegen seiner bewundernswerten Nächstenliebe. Er lebte 25
Jahre, einen Monat und 7 Tage. In Frieden (ICUR, IV, 11809).
Nicht nur die Ehefrau, auch die Kinder sind sehr traurig, und sie möchten den Schmerz mit der Mutter teilen im Gedenken an den Vater, der sie so früh verlassen hat:
Für Quintus Ophelius Trophimus. Aelia
Capitolina ließ diese Inschrift machen für ihren so heiligen
Ehemann (d.h. er war ein sehr guter und gerechter Mensch). Die
Kinder vereinten sich (mit der Mutter im Gedenken an den Vater) (ICUR, IV, 10059).
Oder:
Für Aurelius Macrobius.
Cornelia Victorina (ließ den Grabstein machen) für ihren so sehr
geliebten Ehemann, und die Söhne Aurelius Demetrius und
Gennadius für ihren Vater. In Frieden (ICUR, IV, 12574).
„Wenn man, über diese kurzen Beispiele hinaus, einmal zusammenfassen wollte, welches Bild von einem Ehemann uns in den Grabinschriften vermittelt wird, dann käme heraus: Er ist ein guter Mensch, liebenswürdig im Umgang, gut Freund mit allen (d.h. er schätzt Freundschaften), liebenswert, intelligent und ein Ehrenmann. Die Leute suchen seine Gesellschaft, und sie schätzen ihn wegen seiner persönlichen und beruflichen Qualitäten. Man bewundert seine Treue zu seinen Prinzipien, seine Integrität, seine Redlichkeit und seinen festen Glauben. Der Ehemann bedeutet alles für seine Frau, und sie spricht von ihm mit Respekt und Bewunderung“.
Beneidenswerte Eheleute
Zum Abschluss dieser ersten Gruppe von Grabinschriften, die dem Eheleben gewidmet sind, möchte ich einen heute leider verloren gegangenen Grabstein erwähnen. Seine genaue Herkunft ist nicht sicher, manche Fachleute denken an die Via Ardeatina, aber möglicherweise gehörte er ursprünglich zum Kallixtus-Komplex.
Die Kinder sind die schönste Frucht der elterlichen Liebe, und zugleich leben die Eltern in ihren Kindern weiter. Jeder von uns verspürt den Wunsch nach einem Weiterleben... Das Kostbarste und Schönste, was ein Ehepaar einem Kind hinterlassen kann, ist das Beispiel eines Lebens aus der Liebe. Konkret zeigt sich dieses Ideal in der tiefen Harmonie, die ihr Eheleben prägt.
Der junge Drusus hatte das sehr beeindruckend miterlebt und verspürte das Bedürfnis, das Andenken daran auf einer Grabinschrift zu verewigen:
Für Stephanus und Generosa, seine sehr geliebten Eltern, die lange
lebten ohne je miteinander zu streiten. Der tief unglückliche
Drusus machte das Grab für seine wohlverdienten Eltern (ICUR, IV, 9170).
DAS FAMILIENLEBEN
„Die Grabsteine beschreiben Familien, in denen es menschliche Wärme gibt, spürbares Wohlwollen, Zärtlichkeit, Ausgeglichenheit und Friede. Wir finden da Eltern, die sich für ihre Kinder interessieren, für das Spielen der Kleinen und für ihre Gewohnheiten, für die Begabungen und Fähigkeiten der schon älteren, für die Freuden und Sorgen der verheirateten Töchter und Söhne. Wir begegnen Kindern, die ihren alten Eltern Halt und Stütze sind; Enkel und Großeltern, die einander zugetan sind, Geschwister, die auch als Erwachsene zusammenhalten und sich gegenseitig helfen.
Wir begegnen einem sehr tiefen Familiensinn, und die Mitglieder stehen einander innerlich nahe und sind einander wirklich zugetan, und zudem ist auch der Glaube ein wichtiges Band, das zusammenhält. Die Kinder sind erzogen im Dienst für Gott und in der Verehrung der Martyrer, die gottgeweihte Jungfräulichkeit und der Dienst in der Kirche genießen hohes Ansehen. Das Gebet gehört als Wesensbestandteil mit zum Totenkult, und den Kindern wird schon von klein auf die Liebe zu Gott vermittelt.
Des weiteren werden in den christlichen Familien Werte gepflegt wie voreheliche Jungfräulichkeit und Keuschheit in der Ehe, persönliche Redlichkeit, Fleiß, freundschaftliche Beziehungen, soziales Denken, und dies besonders in der Sorge für Kinder, die ausgesetzt wurden und schutz- und hilflos sind“.
Die Grabinschriften berichten uns nicht nur von jungen Ehepaaren, die in der Zeit ihrer tiefsten Gefühle auseinandergerissen wurden, sie erzählen auch von Kindern, die in noch sehr jungen Jahren ihre Eltern verlassen mussten, gerade im Frühling ihres Lebens. Angesichts solcher Tragödien findet der Verstand – menschlich gesprochen – keine vernünftige Erklärung. Nur der Glaube, der aus den Worten der Liebe und des Schmerzes von Vater oder Mutter spricht, kann ein wenig Licht hineinbringen in das Geheimnis des Todes.
„Den Tod kann man nur in einer Perspektive des Lebens in rechter Weise annehmen. Wie alle anderen Menschen auch haben die alten Christen erfahren, dass der Tod an sich gewaltsam ist, wenn er dem Menschen alles nimmt und ihn von allen trennt; wie hart er ist, wenn er junge Menschen raubt, wie verwirrend er sein kann, wenn er unerwartet und ganz plötzlich kommt. Die Heiden sehen im Tod ein Schicksal, unvermeidbar und unpersönlich, die Christen erkennen in ihm die Gegenwart Gottes. Es ist der Glaube, der den Tod annehmen hilft. Dies ist möglich, weil der Gläubige in Christus stirbt, in der Gewissheit, dass Christus selbst, der Sieger über den Tod, ihn in das ewige Leben geleitet“.
Junius, ein aufgeweckter Junge
Junius hatte viele natürliche Begabungen, die seine Zukunft sehr vielversprechend machten. Mit seinem Scharfsinn und Witz eroberte sich der Junge die Herzen aller und zauberte so manches Lächeln auch auf verkniffene Gesichter. Verständlich, dass er der Stolz seiner glücklichen Eltern war. Aber der Tod ist unerbittlich, ihn kümmert nicht das Alter, und so pflückt er diese zarte Blüte, die sich gerade erst öffnet für das Leben. Es ist verständlich, dass hier der Schmerz ganz spontan aufschreit: „Warum hat Gott das zugelassen? Warum müssen auch die Kleinen, die Unschuldigen, die Guten Leid erdulden und sterben? Warum müssen wir überhaupt sterben?“
Die Eltern des Junius stellten sich diese Fragen sicher auch, sie geben uns aber ebenso eine Antwort darauf, aus ihrem Glauben. Gewiss sprechen auch sie von Raub, wollen ihren Schmerz über diesen unerwarteten Heimgang nicht leugnen, aber sie wissen auch, dass ihr kleiner Junge weiter lebt, und dass sie ihn eines Tages wiedersehen werden. Durch den Tod ist der kleine Junius, dieses liebenswürdige Lämmchen, Christus als Opfer dargebracht worden und nicht für immer verloren.
... Für Junius Acutianus, der etwa zehn Jahre lebte.
Wohlverdient in Frieden. Beigesetzt am ... In dem Grab,
das du siehst, ruht ein Junge, der für sein kindliches Alter
sehr aufgeweckt war. Ein geraubtes Lamm, im Himmel,
und Christus geschenkt (ICUR, IV, 11328).
Augustinus, früh dahingerafft
Die folgende Inschrift ist gewidmet
der süßen Ruhe, der einmaligen Frömmigkeit, der Unschuld des Lebens
und der wunderbaren Klugheit eines geliebten jungen Mannes,
der die Religion seiner Mutter gewählt hat. Überaus verdienstvoll...
Augustinus lebte zarte 15 Jahre und drei Monate. Die fromme
Mutter ihrem geliebten Sohn im ewigen Frieden (ICUR, IV, 11823).
Die arme Mutter! Augustinus war ihr ein und alles, Stütze und Halt in ihren alten Tagen. Nun ist sie allein!
„Der Ausdruck ‚unschuldig‘, mit dem Eltern ihre Kinder charakterisieren, meint zunächst die natürliche, kindliche Unschuld. Bei kleineren Kindern bedeutet dieses Wort eine allgemeine menschliche Verfassung in dem Sinn, dass sie niemandem Schaden zufügen wollen, dass ihnen absichtliche Bosheit oder Schlechtigkeit fernliegt. ‚Unschuldig‘ wird so als allgemeine Kennzeichnung für Kinder verwendet, die vor dem 11. Lebensjahr sterben. Die Ausweitung dieses allgemeinen Verständnisses von kindlicher Unschuld hat es den Christen dann erlaubt, diesen Begriff mit einem religiösen Gehalt zu versehen, der Taufunschuld, die jedoch selten ausdrücklich erwähnt wird. Und schließlich wird das Bild der kindlichen Unschuld verwendet, um damit das gute und rechte Verhalten der Erwachsenen zu beschreiben“. Darauf spielt die Inschrift für Augustinus an.
Die ersten Christen wussten genau, dass Kinder ein kostbares Geschenk Gottes sind, und das Leben wurde deshalb mit Achtung und Dankbarkeit angenommen. Abtreibung in jeder Form wurde abgelehnt, und ebenso die bei den Heiden durchaus übliche Aussetzung unerwünschter Kinder. Diese unglücklichen Kleinen aber wurden immer bereitwillig aufgenommen und fanden liebevolle Hilfe. Die Inschriften auf Kindergräbern zeigen eine wahrlich grenzenlose Liebe der Eltern:
Dem innig geliebten Sohn Macedonianus,
der lieber war, als ein Sohn überhaupt sein kann.
In dieser Welt lebte er neun Jahre und zwanzig Tage.
Ein Elternteil machte dieses Grab für den lieben (Sohn).
In Frieden (ICUR, IV, 11946).
Durch die Inschrift wissen wir, dass der kleine Macedonianus Halbwaise war, nicht jedoch, welcher Elternteil noch lebte. Der überlebende Elternteil ist nun doppelt verwaist: Ein Lebensgefährte – Ehemann oder Frau – ist verstorben, und nun auch Macedonianus, die schönste Frucht der ehelichen Liebe. Auf diesem Hintergrund wird uns verständlich, dass der Kleine „lieber war, als ein Sohn überhaupt sein kann“. Wieviel innere Leere mag der Junge in diesem Haus mit seinem Dasein und seiner Liebe ausgefüllt haben!
Macedonianus wurde in einem Sarkophag beigesetzt, und die Inschrift steht auf dem Täfelchen in der Mitte der Deckelfront. Auf der rechten Seite sehen wir die Büste des Jungen: Hinter seinen Schultern halten zwei Putten ein Tuch. Auf der linken Seite erscheint der biblische Jona, einmal, wie er ins Meer geworfen wird, und dann ruhend unter dem Strauch.
Secunda, die ‚süße Taube‘
Über einer der Stufen im unteren Teil der Treppe in die Liberianische Region befindet sich die kleine Grabplatte für Secunda, eine wunderbare junge Frau, vom Tod mit gerade zwanzig Jahren hingerafft. Ihr Anstand und ihr ehrbarer Lebenswandel, ihre angenehme und liebenswürdige Art zu sprechen, ihre Glaubensstärke usw. machten sie zu einer jungen Frau, die als Verlobte und Ehefrau beispielhaft wäre.
MIRAE · BONITATIS SECVNDE
QVAE VIXIT PVRA FIDE ANNOS
VIGINTI PVDICA CESSAVIT
INPACE ID VIRGO FIDELIS
BENEMERENTI QVIESCET ID IVL
PALVMBO SINE FELLE M ET N
Für Secunda, von wunderbarer Güte, die zwanzig Jahre tief gläubig lebte.
Sie verhielt sich keusch und bewahrte immer ihre Jungfräulichkeit.
Sie starb im Frieden des Herrn.
Der verdienstvollen Taube ohne Galle (d.h. sie redete nie schlecht über andere).
Beigesetzt am 15. Juli unter dem Konsulat von Mamertinus und Nevitta,
d.h. im Jahr 362. (ICUR, IV, 9558).
Valentina, ‚süß und so sehr geliebt‘
Dichterisch wird vom Tod gesagt, er ‚raube das Leben‘ oder ‚raffe es dahin‘, vor allem, wenn es um junge Menschen geht. Eine solche unvorhersehbare Trennung stürzt die Eltern in tiefste Verzweiflung bis hin zur Leugnung, zum Nicht-wahrhaben-wollen des Geschehenen. Nicht einmal die Erinnerung an die schönsten gemeinsamen Stunden, an die Liebkosungen, das Lächeln, die Küsse der Kleinen vermag es, den Schmerz zu lindern, sondern macht ihn für Vater und Mutter manchmal sogar noch schneidender.
Eine solche Trennung in all ihrer Bitterkeit haben Valens und seine Frau erfahren müssen. Ihr einziger Halt ist dabei das Wissen, dass ihre Tochter zwar ‚geraubt‘ ist, aber vom Himmel. Der Schmerz bleibt und quält sie weiter, in ihren Herzen wächst jedoch auch die Gewissheit aus dem Glauben, dass sie ihre Tochter eines Tages wiedersehen werden, und dass Gott sie ihnen dann von neuem schenkt:
... an den Kalenden des April (d.h. am 1. April) haben ... (Name der Ehefrau) und Valens
als Lebende (das Grab) gemacht für ihre allerliebste Tochter Valentina, (jetzt) im Frieden (des Herrn).
O Valentina, süß und so sehr geliebt,
ich bin besiegt von unstillbaren Tränen und kann keine Worte finden.
Wem du dein Lächeln geschenkt hast, (dem) bleibt es im Herzen
und bringt ihn (noch mehr)zum Weinen, es kann (ihm seinen) Schmerz nicht nehmen.
Ganz plötzlich raubte (dich) der Himmel für sich (ICUR, IV, 11444).
Heliodora, eine mutige und dankbare junge Frau
Manchmal trifft man in den Katakomben auf Grabinschriften, in denen von ‚Alumnen‘ die Rede ist. Damit sind nicht Schüler gemeint, sondern Adoptivkinder. „Im damaligen Rom wurde nämlich die Aussetzung Neugeborener toleriert; sie wurden an einer Säule auf dem Forum Olitorium (Gemüsemarkt) ausgesetzt, die deshalb ‚Lactaria‘ (Milchsäule) genannt wurde. Wer hier eines dieser unglücklichen Kleinen fand, konnte es mitnehmen und z.B. adoptieren, aber auch zu seinem Sklaven machen. Diese Regelung war bis in die Zeit Justinians (527-565) in Kraft, als den adoptierten Kindern völlige Freiheit eingeräumt und die Kindesaussetzung mit der Todesstrafe geahndet wurde. Konstantin ordnete Anfang des 4. Jhdts. zur Vorbeugung solcher Aussetzungen an, Arme und Bedürftige auf öffentliche Kosten mit Kleidern und Lebensmitteln zu versorgen. Der hl. Augustinus wies den gottgeweihten Jungfrauen die Aufgabe zu, die ausgesetzten Kinder aufzunehmen und sie taufen zu lassen. Trotzdem mussten wohl die meisten der Kleinen sterben“ (D. Mazzoleni).
Wir hatten bereits auf die beachtliche Zahl kleiner Gräber ohne jede Inschrift in den Kallixtus-Katakomben hingewiesen, wahrscheinlich zurückzuführen auf die Barmherzigkeit der Gläubigen, welche diese unglücklichen Kleinen auflasen und ihnen in den Katakomben eine christliche Beisetzung zukommen ließen. Wenn das Kleine noch lebensfähig war, kümmerte sich die Christengemeinde darum, dass es mit Nahrung versorgt wurde und die Wärme einer Familie fand (alumnus, vom lat. alere, d.h. ernähren). Starb das Kind dann doch, zeigte der Adoptivvater auf der Grabplatte an, dass es sich um ein Adoptivkind handelte.
Umgekehrt geschah es praktisch nie, dass jemand, der als Säugling ausgesetzt worden war, selbst auf seine leidvolle Geschichte hinwies – das war zu demütigend. Heliodora Pascasia hatte jedoch damit keine Probleme. Sie ließ für sich und für Leo ein Doppelgrab machen und wollte auch im Grab neben dem ruhen, der ihr all seine väterliche Liebe geschenkt hatte.
Dies ist das Grab von Heliodora Pascasia, deren Adoptivvater
Leo am ... des August starb im Alter von ... Jahren (ICUR, IV, 11334).
Antonio BARUFFA, Die Katakomben San Callisto. Geschichte – Archäologie – Glaube.
Verlag LEV, Vatikanstadt, dritte, überarbeitete und neu übersetzte deutsche Auflage 2004, S. 125 – 131.
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